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Eine Kolumne von MasterMarc.

fetischszeneIn der klassischen Fetischszene im alten Westeuropa hört man immer wieder, wie die Szene nachlässt, dass sie sich regelrecht auflöst. Doch ist das wirklich so?

In meinen Augen stimmt das nur bedingt. Auf die alte Fetischszene, in der sich in verborgenen Clublokalitäten die klassischen Lederkerle trafen und neben der üblichen Stutenbissigkeit eigentlich einen vorbildliches Gemeinschaftsgefühl lebten und ihr anders sein zelebrierten, trifft das zu.

Es ist aber keine spezifische Fetisch-Problematik. Die Zeit der Ghettoisierung ist in unseren Breitengraden für die Schwulenszene vorbei. Die steigende rechtliche und gesellschaftliche Akzeptanz fordert ihren Preis. Wir verlieren unsere kleinen und gemütlichen Nester, in die wir uns freudig jedes Wochenende zurückziehen konnten, weil wir uns da unter unseresgleichen so verstanden und beschützt fühlten und die Welt draussen so anders und böse war. Schwul sein wird gesellschaftlich “normal” und wie die Heros mit uns als “Normalität” klar kommen müssen, müssen wir uns davon verabschieden zu glauben, dass sich bei uns nichts verändert. Hinzu kommt, dass man diese Locations in Zeiten von Recon und Gayromeo, in der wir die fickwilligen Kerle nach Distanz und Schwanzlänge geordnet frei Haus aufs Smartphone geliefert bekommen, nicht mehr gezwungenermassen zum Anbahnen eines geilen Abenteuers brauchen. Als SM-ler muss man nicht mehr in eine SM-Location, um zu verhindern, dass der Kerl den man abschleppt, nicht ein Weichei ist.  Suchmodus: SM ok, Bottom, Athletisch —> und schon rekeln sich die Kerle auf ihren Profilbildern vor deinen Augen. Der Viehmarkt findet nicht mehr im Clubkeller statt sondern hat sich auf ein individualisiertes Bestellen von Stuten und Hengsten per App verlagert.

Ja, die klassische Lederszene ist unter Druck! Und wie reagiert diese auf diesen Druck? Ein erfolgreicher Weg ist die Nutzung der sozialen Medien zum eigenen Vorteil. BLUF zeigt uns doch, dass eine Spezialisierung auf eine spezifische Interessensgruppe und durch die Vernetzung vieler kleiner Szenen, eine viel grössere Gemeinschaft entsteht, bei der auch mehr läuft. Dies bedingt jedoch – wie es heutzutage auch in der Arbeitswelt gefordert wird – die Bereitschaft zu individueller Mobilität. Man wird aber für dieses “Opfer” auch mit einer Vielzahl von tollen Events belohnt, die von ehrenamtlichen organisiert werden.

Ein anderer Teil der Fetischszene öffnet sich und integriert boomende Bereiche wie die Petplayer und Sportswear-Freaks. Dies ist nicht ganz so selbstverständlich, wenn man schaut, wie lange Lederkerle fast schon abschätzig auf die Rubberjungs heruntergeschaut haben. “Das ist Fetish light; WIR sich die richtigen Kerle!” Diese Öffnung verbunden mit einer neuen Selbstverständlichkeit sich nicht mehr als “Underground” zu sehen hat Zukunft. Wenn man dann noch das bei den Schwulen doch überproportional vorhandene Bedürfnis nach Party mitstillt, dann ist die Fetischszene sogar sehr erfolgreich. Grossevents wie die London Fetish Week wären in den von vielen verherrlichten goldenen alten Zeiten nicht möglich gewesen. Und bitte kommt jetzt nicht mit dem Folsom als Gegenbeispiel, denn auch dieser Event in San Francisco wurde das, was er ist, als der kleine Fetisch Event “Up Your Alley Fair” sich mit dem viel grösseren Event an der Folsom Street, welcher gegen die Gentrifizierung kämpfte, zusammentat.

Wir fordern Akzeptanz für unsere Lebensweise und Vorlieben. Diese Akzeptanz müssen wir selbst aber auch aufbringen, dann haben wir auch Erfolg. Wenn wir andere nicht mehr ausschliessen, dann können sich alle frei entfalten und jeder den seinigen Fetisch leben. Als Lederkerl erkennst du andere Lederkerle ja immer noch, auch wenn da Rubbertypen und Sportswear-Jungs rumhüpfen. Es geht nicht darum, sich und seinem Fetisch eine Wertigkeit zu geben, sondern darum, sich selbst zu leben und Spass zu haben.

Und wenn wir mal wieder ganz weit oben auf dem Leder-Sockel stehen und runter zum anderen Fetischvolk schauen und dabei ganz ganz weit unten eine Transe sehen, dann lasst uns nicht abschätzig auf sie reagieren, sondern begegnet ihr auf Augenhöhe, denn auch der Kerl im Fummel lebt das, was er fühlt und ihm Spass macht – wie du und ich! Und es waren die Transen, die 1969 an der Christopher Street sich als erstes für unser Recht, von allen so akzeptiert zu werden, wie wir sind, eingesetzt haben! Wir profitieren alle von ihrem Kratzen, Beissen und Schlagen einer überforderten und homophoben New Yorker Polizei.

Die Fetischszene löst sich nicht auf, sie ist im Wandel! Und sind wir ehrlich, sie ist am wachsen – nur vielleicht anders, als der eine oder andere unter uns sich das wünschen würde. Es ist an uns, unseren Arsch zu bewegen und das Beste daraus zu machen, damit wir alle neben- und miteinander unserer Leidenschaft frönen können. Es geht nicht nur ums konsumieren und rummotzen sondern darum, auch aktiv was zu bieten. Würde das niemand mehr tun, dann wäre die Fetischszene wirklich tot!

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